Radulomyces rickii - ein ungewöhnlicher Corti...

#1
Servus beinand,

bei einer Kartierungsexkursion in Penzberg (Oberbayern, nicht Österreich, aber nicht sooo weit von der Grenze entfernt) habe ich an einem Hollerast unter einem Weißdorn einen corticioiden Pilz (Corti - ist kürzer) aufgesammelt. Der Corti war recht dicklich, etwas zäh (es war sehr heiß, er war gerade am Eintrocknen) und relativ groß. Also nicht zu übersehen:
Radulomyces_rickii_Makroskopie01.jpg
(die weißen Kissen sind irgendwas unreifes - weder Mito- noch Meisporen zu sehen)

Unter dem Mikroskop war ich überrascht, denn die Basidien (man muss sie sehr sorgfältig herauspräparieren, dann sieht man das) sind pedunkulat:
Radulomyces_rickii_Basidiole01.jpg
Radulomyces_rickii_Basidiole02.jpg
Die Fotos sind nicht optimal - ich habe keine Kamera am Mikroskop, deshalb knippse ich auf die Schnelle mit dem Handy durch's Okular... bei dem oberen habe ich versucht, den Stiel zu markieren. Er verschwindet in der Unschärfe und es liegt ein Pigmentflöckchen vom Kongorot drüber - beim Durchfokussieren sieht man es natürlich besser). Beim unbteren Foto sieht man den Anfang des Stiels sehr gut.

Ich kenne pedunkulate Basidien von der Gattung Intextomyces und wurde dadurch völlig auf eine falsche Fährte gelockt. Auch an Phlebiella (s.l. - korrekter Name dürfte Xenasmatella sein) hatte ich gedacht. Da der dünne Stiel auch seitlich ansitzen kann, sehen junge Basidien wie junge Pleurobasidien aus. Die Interpretation der Basidien wird auch dadurch erschwert, dass die Sterigmen und dann die Basidie nach dem Absporen kollabieren. Die Aufsammlung stammt von einem heißen Tag (in einer heißen Wetterperiode - am 6. Juli 2019 - mit vorausgegangenem Gewitter), sodass ich zwar viele alte Basidien hatte, aber kaum sporulierende. Der Pilz hatte vermutlich aufgehört zu sporulieren und dann das Gewitter mit Starkregen genutzt, neue Basidien zu bilden, die aber bis zum Aufsammeln nicht ausreiften). Zudem musste ich den Beleg erst trocknen, bevor ichihn untersuchen konnte (Beruf - noch keine Ferien - Stress) ;-)

Die Sporen sind ziemlich kugelig, dünn- bis etwas dickwandig und cyanophil (also die dickwandigen) und inamyloid:
Radulomyces_rickii_Sporen01.jpg
Radulomyces_rickii_Sporen01.jpg (26.8 KiB) 1306 mal betrachtet
Radulomyces_rickii_Sporen02.jpg
Radulomyces_rickii_Sporen02.jpg (25.74 KiB) 1306 mal betrachtet
Die Sporen messen 7,25-8,5 x 6,25-7,5 µm; Q = 1,0-1,2.

Sieht man sehr genau hin, erkennt man immer wieder mal feine Warzen. Mit einem besseren Mikroskop sieht man es sicher besser, aber mein altes Olympus CH2 reicht, das zu erkennen. Manche Sporen haben nebend em Apikulus auch noch eine zweite Ausstülpung. Die Sporen werden daher biapikulat genannt. Freilich ist der zweite Auswuchs kein Apikulus, sondern nur eine Auswachsung der Spore:
CH2019070606_Radulomyces_rickii_Sambucus_nigra_biapikulate_Spore.jpg
CH2019070606_Radulomyces_rickii_Sambucus_nigra_biapikulate_Spore.jpg (25.62 KiB) 1306 mal betrachtet
Abgesehen von den kräftigen, großen Basidien (ohne Stiel ca. 26-33 x 9,5-11,5 µm) ist der Rest nur ein feines Gewusel - sprich das Subhymenium besteht aus sehr schmalen, verwurschtelten Hyphen und ist daher schwer zu interpretieren / präparieren. Schnallensuche ist daher etwas aufwendig, aber man findet sie natürlich.
Radulomyces_rickii_Schnalle01.jpg
Radulomyces_rickii_Schnalle01.jpg (17.99 KiB) 1306 mal betrachtet
Radulomyces_rickii_Subiculum01.jpg
(Schnallensuchbild)

Ich muss allerdings gestehen, dass ich Radulomyces rickii schon einmal unter dem Mikroskop hatte - damals frisch und völlig reif mit vielen Sporen. Ich hatte die pedunkulaten Basidien damals zwar gesehen (zum Glück mache ich Notizen), hatte aber nicht so sehr darauf geachtet, weil ich schon makroskopisch bei Radulomyces war und die dickwandigen, cyanophilen Sporen halfen. Jedenfalls kam ich diesmal auf die falsche Fährte und hatte mich beim Bestimmen bei Intextomyces / Xenasmatella (und Ähnliches) verrannt. Ein Tipp von Pablo Schäfer, Radulomyces rickii zu prüfen, half mir dann sofort auf die Sprünge.

Alle von mir hier aufgezählten Merkmale (inklusive der kollabierenden Sterigmen) werden hier wunderbar gezeigt:
Masoomeh Ghobad-Nejhad & Heikki Kotiranta (2007): Re-evaluation of Radulomyces rickii and notes on Radulomyces and Phlebiella (Basidiomycota). Mycotaxon 102: 101-111.

Ich denke, jetzt habe ich die Art endgültig auf meiner internen, biologischen Festplatte gespeichert und werde sie zukünftig direkt erkennen, ohne ich zu verlaufen.

In der Österreichischen Datenbank ist nur ein Fund aus Vorarlberg verzeichnet. Ich habe sie jetzt innerhalb eines Jahres zweimal in Oberbayern gefunden. Der erste Fund stammt aus einem klassischen Auwald, der hier vorgestellte aus einem trockenen, lichten Habitat (sonnenexponierte Wiese mit Gehölzen am Rand einer Böschung). Dieser Corti scheint eine recht große ökologischen Amplitude zu haben. In Mannheim wurde er im Stadtgebiet gefunden (P. Schäfer). Ist die Art nur übersehen worde oder wirklich so selten?

Vielleicht regt dieser Fund dazu an, einen vermeintlichen Radulomyces confluens zu mikroskopieren und genau hinzusehen. Oder habt ihr auch aktuelle Funde, die noch nicht in der Datenbank abrufbar sind? Vielleicht breitet sich der Pilz auch aus?

Liebe Grüße,
Christoph
Argentum atque aurum facile est laenamque togamque mittere, boletos mittere difficile est
(Silber und Gold, Mantel und Toga kann man leicht verschenken, schwer ist es aber, auf Pilze zu verzichten - Spruch von Martial)

Re: Radulomyces rickii - ein ungewöhnlicher Corti...

#2
Lieber Christoph,
danke für diese tolle, ausführliche und lehrreiche Dokumentation! Ich habe in meinen Hintergrunddaten nachgesehen und keine weiteren Angaben gefunden. Aufs update der DB warte ich (habe auf meine Nachfrage leider bis jetzt keine Antwort erhalten). Allerdings habe ich die Cortis bisher etwas vernachlässigt. So eine schöne Aufbereitung regt an, die Dinger doch öfter mal anzuschauen, vor allem, wenn eh fast nix anderes wächst...
LG
Irmgard

Re: Radulomyces rickii - ein ungewöhnlicher Corti...

#3
Servus, Christoph,

auch von mir ein Dankeschön für diesen schönen Beitrag, den ich bereits im BMG-Forum mit Interesse gelesen habe.

Wir konnten Radulomyces rickii erst vor Kurzem bei Kartierungsarbeiten im Mürztal nachweisen, ebenfalls auf Sambucus nigra. Das scheint durchaus ein bevorzugtes Substrat zu sein.

Von Gerhard Koller weiß ich, dass er auch noch weitere Informationen zu dieser Art in Österreich hat, vielleicht mag er dazu selber etwas sagen/schreiben.

Schöne Grüße
Gernot